Das Konjunkturprogramm hat vor einigen Monaten auch Potsdam erreicht. Überall gibt es Baustellen, Autofahrer müssen sich jede Woche auf neue Gegebenheiten einstellen.
Eine der größten Baustellen erwartet einen bereits kurz hinter der Stadtgrenze auf der Berliner Straße. Kaum hat man die Glienicker Brücke von Berlin kommend überfahren, weist ein Baustellenschild auf das über 1,5 Kilometer lange Übel hin. Die aus den frühen 80er Jahren stammende Straßenbahntrasse wird komplett saniert.
Ein besonderes Schmankerl haben sich die Stadtplaner bei den Straßenbahnhaltestellen ausgedacht. Schon vor Jahren hat man in Berlin Straßenbahnhaltestellen abgeschafft und umgebaut, bei denen man direkt auf der Straße ausgestiegen ist. Vielen Autofahrern ist leider überhaupt nicht bewusst, dass man an einer haltenden Straßenbahn nicht vorbei fahren darf. Westberlinern kann man diese Tatsache vielleicht auch gar nicht übel nehmen – sie hatten schließlich dreißig Jahre lang keine Straßenbahn.
In Potsdam gestaltet man jetzt „total innovativ“ Straßenbahnhaltestellen. Die eigentliche Haltestelle befindet sich inklusive einem Haltstellenhäuschen auf dem Fußgängerweg. Auf der Straße gibt es zum barrierefreien Einstieg sogenannte Haltestellenkappen. Eine hervorragende Sache, damit man ebenerdig in die Niederflurbahn einsteigen kann. An dieser Stelle haben die Planer leider aufgehört zu denken!
Ein Rollstuhlfahrer oder ein Rentner mit Rollator muss zukünftig beim Einfahren der Straßenbahn zuerst den Bürgersteig abwärts, dann die Haltekappe wieder aufwärts überwinden und dabei immer hoffen, dass die Autofahrer rechtzeitig dieses Vorhaben erkennen. Dass sich das Einsteigen somit verzögert und es regelmäßig zum stockenden Verkehr kommt, ist den Koniferen in der Potsdamer Stadtplanung anscheinend nicht bewusst.
Ein Beispiel dafür, dass das Gleichstellungsgesetz doch nur bei Kopftuchmädchen Anwendung findet. In direkter Nähe zur Berliner Straße gibt es mindestens zwei Altersheime. Die Heimbewohner scheinen bei dieser Planung offensichtlich kein Anrecht auf die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu haben. Doch gerade in der Berliner Vorstadt nutzen ältere Leute und Mütter mit Kinderwagen die Straßenbahn. Ansonsten fährt man in der Gegend ja nur mit der Bahn, wenn man den Führerschein abgeben musste oder der Partner gerade mit dem Range Rover unterwegs ist.
In der Broschüre für die Anwohner heißt es:
Wenn sich diese Bauweise bewährt, kann sie auch an anderen Stellen in der Stadt – zum Beispiel entlang der Friedrich-Ebert-Straße – eingesetzt werden.
Ich sehe eher, dass die Haltestellen um die Hinweisschilder „Achtung Straßenbahnhaltestelle“ ergänzt werden müssten, der Takt der Straßenbahn verlängert wird und die ersten Unfälle an den Haltestellen nicht lange auf sich warten lassen.
